Mia - Sonne

Wie alles begann…

 

An meinem sechsten Geburtstag nahm mich mein Vater einmal zu einer Sonnenfinsternis mit. Ich war fasziniert, als sich der Mond vor die Sonne schob, und es ganz kurz so dunkel wurde, das man denken konnte, es wäre Nacht. Als die Sonne langsam wieder zum Vorschein kam, atmete ich auf. Denn ich hatte Angst vor der Dunkelheit, und die Vorstellung, dass die Welt noch länger so dunkel bliebe, war in dem Moment das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Ein paar Wochen später fragte ich meinen Vater, was denn passieren würde, wenn die Sonne einmal nicht mehr aufgehen würde. „Es würde eiskalt werden, es gäbe kein Leben mehr auf der Erde, keine Blumen und keine Bäume, es wäre den ganzen Tag dunkel, und die Tiere würden alle verhungern“ erklärte er mir. Ich konnte nur nicken, war so entsetzt darüber, was alles geschehen konnte. Ich wollte schon wieder gehen, da rief er mir nach: „Marie…“ Ich drehte mich um. Er hatte sich hingekniet und blickte mir in die Augen. „Sowas wird aber nicht passieren, okey?!“. Er lächelte ein müdes Lächeln. „Und was wenn doch?“ flüsterte ich. Ich ging auf ihn zu und kuschelte mich in seinen Pulli. „Wird es nicht, versprochen“ versicherte er mir. Abwesend gab ihr mir einen Kuss auf den Scheitel, murmelte, er müsste über etwas nachdenken und verschwand in dem Zimmer, das er Denk-Zimmer nennt. In diesem Raum befand sich nichts außer ein Bücherregal, eine Stehlampe und ein Sofa. Am selben Tag malte ich ein Bild, auf dem sich die Sonne hinter dem Mond versteckte, als bräuchte sie einmal Auszeit von der Welt. Das Lieblingsbild meines Vaters.

 

Doch was dann geschah, sollte alles verändern.

 

1

 

Ich blickte in die Ferne. Ausgedörrtes Land. Überall. Und Dunkelheit. Ist es Nacht? Ich blickte zum Himmel. Doch der Mond war nirgends zu sehen. Ich wischte meine Handflächen an meiner Hose ab, beruhigte meinen Atem. Erst jetzt bemerkte ich, wie kalt es war. Schon wieder. Ich weiß nicht mal, was diese Träume mir sagen wollen. Wieder blickte ich in die Ferne, so, als könnte mir das Land sagen, was ich tun muss. Als ich mich niederließ, um mich auf den Boden zu setzen, klingelten die Glöckchen in meinen Haaren. Plötzlich bewegte sich etwas im Dickicht. Ich sprang so schnell auf, das meine Haare klimpernd Alarm schlugen. Hier kann dir niemand etwas tun. Etwas kam auf mich zugelaufen, das erste Mal, dass sich in dieser Art von Träumen etwas bewegte. Ich tippte auf einen Fuchs, aber beim Näherkommen bemerkte ich, dass es ein Mensch war. Endlich mal jemand, der mir das alles hier erklären kann. Ich blieb stehen. Doch bevor der Mensch bei mir ankommen konnte, brach er im Staub zusammen. Ich reagierte sofort. Meine Beine setzten sich in Bewegung. Vor dem Mann, der hustend im Dreck lag, ging ich auf die Knie. „Hallo?“, fragte ich, „können sie  mich hören?“. Doch anstatt einer Antwort hustete der Mann weiter. Berühren wollte ich ihn nicht, also wartete ich einfach ab. Etwas tropfte auf den Boden. Blut. Entsetzt wich ich zurück. „Bitte… Hilf mir.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich… Ich heiße…“ würgte er hervor. Eine Welle des Hustens überkam ihn. Wieder tropfte Blut auf den Boden. Ich rückte ein Stück ab und rümpfte die Nase. Erst jetzt betrachtete ich ihn genauer. Der namenlose Mann hatte braunes, fettiges Haar, das an einigen Stellen blutverkrustet war. Überhaupt, sein ganzer Körper war an den meisten Stellen mit getrocknetem Blut bedeckt. Seine Haut war sehnig und – was ich mit Entsetzen feststellte – seine Fingernägel waren bis aufs kürzeste gekappt. „Mordum … Ich heiße Mordum“ riss mich der Mann aus meinen  Gedanken. Er hob den Kopf und sah mir genau in die Augen. „Mein… Mein N-N-Name ist Marie…“ stellte ich mich stotternd vor. Auch sein Gesicht war voller Dreck, an einigen Stellen auch voller Blut, aber das schlimmste waren die Narben, die seinen gesamten Kopf bedeckten. „Du bist so wunderschön…“, hauchte er schließlich, „so jung, gar nicht von dieser Welt.“ Ich ergriff sofort meine Chance: „Wo bin ich hier? Was ist das für ein Land? Oder sogar ein anderer Planet?“ Der Mann lachte. Es war kein schönes Lachen, eher ein kratziges Lachen, das von zu viel Rauchen kommt, oder wenn man heiser ist. „Ein anderer Planet?“ Er fuhr sich mit der Hand über die Nase, aus der Blut lief. „Naja… Ich meine… Wo bin ich hier? Das kann nicht meine Stadt sein. Ich komme aus Berlin.“ Der Mann schaute in den Himmel, wie ich zuvor, als suche er etwas. „Endschuldige, dass ich dich enttäuschen muss, aber das hier ist Berlin, Mädchen.“ Er räusperte sich, so, als wollte er noch etwas sagen, ließ es aber dann bleiben. Ich stockte. Berlin? Das kann nicht sein. „Welches Jahr?“ fragte ich, um Licht in die Sache zu bringen. „2014“ antwortete Mordum. Ich schnappte nach Luft. 2014. Das war dieses Jahr. „Was ist hier passiert?“ fragte ich hastig, ich musste es wissen, bevor ich aufwachte. „Die Sonne…“ murmelte er, mehr zu sich selbst, als zu mir. „Sie ist weg. Für immer. Merkst du, wie kalt es ist?“ Ich nickte nur, wollte ihn nicht unterbrechen. „Die Sonne ist nicht mehr da, kein Leben mehr auf der Erde…“ Ich nickte abermals. Auf einmal durchfuhr es mich, und mir wurde schwarz vor Augen. Nein! wollte ich schreien, doch mein Mund war wie zugenäht. Kein Laut überkam meine Lippen. „Auf bald, Mädchen…“ hörte ich Mordum noch sagen, bevor ich die Augen aufschlug.


Sooo... Das war jetzt meine eigene Geschichte. Wäre nett, wenn ihr mir schreiben würdet, wie sie euch gefällt, damit ich mal anderes Feedback bekomme, als das von meiner Mutter ☺ Danke und liebe Grüße, Socke ❤